Knock Down the House: Ein Lehrstück für Linke

„Damit eine von uns es schaffen kann, müssen hundert von uns es versuchen.“ Ein Satz, der sich wie ein Mantra durch die neue Netflix-Dokumentation „Knock Down the House“ über den Aufstieg von US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez zieht. Regisseurin Rachel Lears gewährt darin einen intimen wie auch aufschlussreichen Einblick in die Erfolgstory der jungen Linkspolitikerin, die entgegen aller Erwartungen einen der mächtigsten Demokraten des Landes, den Lobbyisten Joe Crowley, bei den parteiinternen Vorwahlen zu den Kongresswahlen im Juni 2018 besiegte.

Zwischen Empörung und Hoffnung

Alexandra Ocasio-Cortez, kurz AOC, ist dabei eine von mehreren progressiven Kandidatinnen, deren steiniger Weg in die Politik begleitet wird. Die nicht minder charismatischen und beherzten Neo-Politikerinnen Amy Vilela, Paula Jean Swearengin und Cori Bush haben den Einzug ins US-Repräsentantenhaus zwar nicht geschafft, bestätigen damit aber auch, wie schwierig es ist, am politischen Kartenhaus zu rütteln. Wenn es aber einmal wackelt, ist vieles möglich. Beispielsweise werden linke Forderungen wie Reichensteuer und der Green New Deal mittlerweile in der Öffentlichkeit breit diskutiert. Dies wäre vor einigen Jahren noch kaum vorstellbar gewesen. In gewisser Weise haben sich auch in den USA die Grenzen des Sagbaren verschoben – allerdings nicht bloß von rechter bzw. republikanischer Seite, deren Misogynie, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus praktisch täglich erschaudern lassen. Sondern auch von Seiten der neuen US-Linken innerhalb der demokratischen Partei, die selbstbewusst ihre Agenden setzt und sozialpolitische Forderungen stellt, die vor Jahrzehnten schon aus dem politischen Diskurs gebannt wurden.

Lears Dokumentarfilm ist keinesfalls bloß die Nacherzählung eines Wahrgewordenen Politmärchens. Streckenweise ist der Film richtig bedrückend. Etwa wenn die Lebensrealitäten dieser unterschiedlichen Frauen sowie ihre Beweggründe in die Politik zu gehen thematisiert werden. Sei es Amy Vilela aus Nevada, deren 20-jährige Tochter starb, weil sie wegen unzureichender Krankenversicherung aus dem Spital geworfen wurde. Oder Paula Jean Swearengin aus West Virginia, die als Tochter eines Kohlearbeiters vom harten Los der Menschen in ihrem Heimatsort erzählt – von einem Leben zwischen verschmutztem Wasser, Armut und Krebserkrankung. Doch die Tatsache, dass hier völlig gewöhnliche Menschen, Menschen mit denen wir uns alle identifizieren können, aktiv werden und das politische Establishment herausfordern, birgt einen ansteckenden Optimismus. Als Zuseherin musste ich mir zwangsläufig die Frage stellen, ob Derartiges auch in  Österreich möglich wäre.

Von AOC & Co lernen

Doch eine Erfolgsstory wie jene von AOC scheint mir hierzulande eher unwahrscheinlich. Dafür ist die österreichische Parteienlandschaft nicht durchlässig genug. Außenstehende, ohne Anbindung zu einer der üblichen parteilichen Vorfeldorganisationen, finden hier nur sehr schwer einen Zugang. Da bietet das US-amerikanische System mit seiner direkten KandidatInnenwahl einen viel größeren Spielraum. Ein interessanter Aspekt ist hierbei: Alle vier Kandidatinnen aus der Doku wurden von den Organisationen wie Justice Democrats und Brand New Congress unterstützt. Diese Organisationen rekrutieren NachwuchspolitikerInnen aus der einfachen Bevölkerung  und helfen ihnen bei ihrer Kandidatur für politische Ämter – ganz ohne Großspender, sondern durch den Aufbau von Graswurzelkampagnen. Ihr Ziel ist es Leute von außen, sprich außerhalb des Establishments, in den Kongress zu bringen. Oder mit den Worten von AOC : “everyday Americans deserve to be represented by everyday Americans”.

Das AOC-Drehbuch ist in Ländern wie Österreich zwar schwer umzusetzen. Als Inspirationsquelle taugt es aber allemal. “Knock Down the House” zeigt wie wichtig es ist, in der politischen Arbeit die eigene Komfortzone, manchmal auch das eigene Milieu zu verlassen und auf andere Leute zuzugehen – ohne dabei die eigenen Positionen zu verwässern. Es zeigt wie wichtig es ist, in einer Sprache zu sprechen, die auch verstanden wird. Forderungen zu formulieren, die verstanden werden (und z.B. nicht nach akademischen Abhandlungen klingen). Ocasio-Cortez schafft es mittlerweile wie keine andere, die Demokratische Partei vor sich herzutreiben. Ihre überspitzten links-populistischen Forderungen empören das polit-Establishment, generieren aber auch große mediale Aufmerksamkeit. Dadurch sickern ihre Forderungen mehr und mehr in den Mainstream. Ihr Vorschlag, den Spitzensteuersatz für Reiche auf 70 Prozent zu erhöhen, hat hohe (meist ablehnende) Wellen geschlagen. Innerhalb der Bevölkerung ist die Idee einer Reichensteuer mittlerweile jedoch sehr populär.

Alexandria Ocasio-Cortez überlässt den rechten Einmauerungspopulisten nicht die politische Themensetzung. Sie weiß, wie man den politischen Diskurs bei Gelegenheit nach links ziehen kann, und scheut sich nicht zu polarisieren. Vorallem letzteres bewies sie schon bei ihrer Kandidatur im vergangenen Jahr. Sie entschied sich, die Forderung “Abolish ICE” (dt. Fremdenpolizei abschaffen) auf Wahlplakate zu drucken, weil dies ziemlich “Gangsta” sei und sich das kein anderer traut. Ihr Widerstandsgeist wurde belohnt.

 

 

Foto: TK, NMAH, Washington DC, 2019

 


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